Rezension: "Großer Bruder" von Lionel Shriver

07 Mai 2014 | 2 Kommentare

Zum Buch

Großer Bruder von Lionel Shriver - Piper - 336 Seiten - ISBN 978-3-492-05625-0 - Hardcover - 19,95 Euro - Hier kaufen

Inhalt

Pandora ist die kleine Schwester und ihr Bruder Edison der geniale New Yorker Pianist. Er stand von Anfang an im Vordergrund und würde irgendwann ganz oben stehen, da waren sich alle sicher. Als er nun Pandora und ihre Familie im ländlichen Iowa besucht, muss sie erschreckt feststellen, dass der bewunderte große Bruder sich nicht nur in der Lebenslüge vom erfolgreichen Musiker eingerichtet hat, sondern inzwischen über 150 Kilo wiegt. Besonders ihr Mann Fletcher ist von dem Koloss nicht angetan und die Spannungen nehmen immer mehr zu. Statt ihn rauszuschmeißen, wie Fletcher es fordert, beschließt Pandora, Edison einer radikalen Diät zu unterziehen. Sie zieht mit ihm von zu Hause aus, um sich ganz diesem Ziel widmen zu können. Aber Fletcher weigert sich, Pandoras Plan zu unterstützen – und sie begreift, dass sie nur eines retten kann: ihre Ehe oder ihren Bruder.

Meine Meinung

Lionel Shrivers eigener Bruder starb mit 55 Jahren an den Folgen von massivem Übergewicht. Trotzdem ist dieser Roman nicht autobiografisch, wie sie einem Interview mit der FAZ betonte. Viel mehr möchte sie aufzeigen, dass kaum noch jemand ein normales Verhältnis zum Essen hat. 

"Es gibt Fälle, wo Hundebesitzer plötzlich feststellen, wie viel Arbeit ihre vierbeinigen Freunde machen, und sie im Tierheim abgeben; auch Pflegeeltern können es sich anders überlegen und ihre widerspenstigen Zöglinge dem Staat zurückerstatten. Familie ist vom Umtausch ausgeschlossen." (Seite 108)

Pandoras Bruder Edison war immer der große Bruder, zu dem sie aufsehen konnte. Der Typ, in den ihre Freundinnen verliebt waren und auf den alle standen. Ein Bruder, auf den man stolz sein konnte. Als Edison seine Schwester in Iowa besuchen kommt, haben sie sich vier Jahre nicht gesehen. Vier Jahre, in denen der einst so gut aussehenden Edison ordentlich zugelegt hat und jetzt über 150 Kilo auf die Waage bringt. Pandora ist entsetzt und schockiert zugleich.

Ihr Mann Fletcher ist das genaue Gegenteil. Er ist ein wahrer Fitnessfreak und achtet penibel auf seine Ernährung. Für ihn ist Edison sofort ein Dorn im Auge. Und Pandora steht zwischen den Stühlen. Einerseits, weil ihr Bruder eben Familie ist und sie ihn trotz allem liebt. Andererseits liebt sie aber natürlich auch ihren Mann.

Zu Beginn plant Edison, zwei Monate zu bleiben. Zwei Monate, die zur Belastungsprobe für die ganze Familie werden. Denn Edison isst anders und viel. Und auf einen Mann in dieser Breite sind sie nicht vorbereitet. Da gibt es den heiß geliebten Stuhl, dessen Lehne bricht oder das Sofa, das unter seinem Gewicht nachgibt. Fletcher beginnt bereits, die Tage bis zu Edisons Abreise zu zählen.

Doch schon bald wird klar, dass Edison nicht mehr der ist, der er vorgibt zu sein. Es gibt kein erfolgreiches Leben in New York, es gibt eigentlich nicht einmal ein Zuhause. Pandora fasst also einen Plan. Sie will ihrem Bruder beim Abnehmen unterstützen und zieht mit ihm in ein Apartment. Sie entscheidet sich für ihren Bruder und gegen ihren Mann und muss hoffen, dass diese Entscheidung die Richtige ist.

Lionels Shrivers Erzählstil ist dabei eindringlich und furchtlos. Sie bohrt mit ihrem Finger eine tiefe Wunde und übt dabei große Kritik an der Gesellschaft, dem Verhalten mit Essen und der Besessenheit an unserem Äußeren. Edisons Fresssucht ist zweifelsohne eine Krankheit, doch dem gegenüber stellt sie Fletchers Fitnesswahn. Nicht minder beachtenswert.

"Ja, ich habe ziemlich gut ausgesehen. Später nicht mehr. Das ist genau der Punkt. Wo ich nun schon dick war, kam's auf eine Portion Rippchen mehr oder weniger auch nicht mehr an. Wenn du gut aussiehst, hast du was zu verteidigen, eine Investition zu schützen, Macht zu bewahren. Aber wenn du erst mal aus dem Leim gegangen bist, hast du nichts mehr zu verlieren." (Seite 198)

Fletcher ist der Typ, der sein Verhalten und seinen Umgang mit Essen als richtig betrachtet. Menschen mit Übergewicht sind selbst schuld an ihrer Misere und einfach faul und maßlos, denn sonst hätten sie kein Übergewicht. Ein Vorurteil, mit dem viele dicke Menschen zu kämpfen haben und das nicht immer wahr sein muss. Fletchers Verhalten ist ziemlich ignorant, denn sein Umgang mit Essen, ist in seinen Augen, der einzig richtige. 

Fazit

Der Autorin ist es in diesem Roman fabelhaft gelungen, ein zentrales und aktuelles Thema aufzunehmen und daraus eine brillant erzählte Geschichte zu entwickeln, welche den Leser mit Sicherheit zum Nachdenken anregt und seine eigene Ernährungsweise hinterfragen lässt. Eine empfehlenswerte Lektüre, deren Ende überrascht und einen auch ein wenig sprachlos zurück lässt.

5/5 Punkten

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Kommentare:

  1. Mit Lionel Shriver hast du mich infiziert und obwohl ich noch ein ungelesenes hier habe schiele ich sehr auf "Großer Bruder". Die Thematik wird in den Medien zum Teil so verzerrt betrachtet, dass eine ehrliche Darstellung umso wichtiger und schöner ist.

    Danke für die Rezension.
    LG Alex

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  2. Überrascht mich nicht. Die Frau ist ein Genie. Das Buch kommt aber sowas von auf meine Liste :D.

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