Rezension: "Der Circle" von Dave Eggers

15 August 2014 | 7 Kommentare

Zum Buch

Der Circle von Dave Eggers - Kiepenheuer & Witsch - 560 Seiten - ISBN 978-3-462-04675-5 - Hardcover - 22,99 Euro - bei ocelot kaufen

Inhalt

Mae Holland ist überglücklich. Nach ihrem unbefriedigenden Job bei den Gaswerken ergattert sie mit Hilfe ihrer Freundin Anni eine Stelle im angesagtesten Unternehmem weltweit: dem "Circle". Eine tolle Internetfirma mit Sitz in Kalifornien, die bereits die Funktionen von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausgestattet werden. Alles kann mit diesem Konto abgewickelt werden. Verschwindet die Anonymität im Netz, wird die Bevölkerung nicht mehr von Kriminalität, Cybermobbing und allerlei schlimmen Dingen heimgesucht. So zumindest der Plan von den "Drei Weisen", die den Circle ins Leben riefen. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese Welt mit ihren modernen und hellen Büros und schicken Restaurants, in denen angesagte Sterneköche kostenlose Menüs für die Mitarbeiter zaubern und internationale Popstars einfach mal spontan Konzerte geben. Jeden Abend gibt es Treffen, Meetings oder tolle Partys und Mae ist fest entschlossen es im Unternehmen weit nach oben zu schaffen. Sie treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen bringt Mae zum nachdenken…

Meine Meinung

Der Circle ist das Buch, welches einem in den letzten Tagen öfter über den Weg gelaufen ist. Zahlreiche Online-Kanäle waren voll davon und auch der KiWi-Verlag hat das Buch mit einer eigenen Website gekrönt. Das ist durchaus berechtigt und wer jetzt neugierig geworden ist, der sollte unbedingt weiterlesen.

Dave Eggers‘ Buch erzählt eine fiktive Geschichte, die äußerst beängstigend wirkt, weil manches davon gar nicht so weit hergeholt ist. Mae Holland schafft es durch ihre Studienfreundin Anni zum Circle. Ein Traum wird wahr, denn wer etwas auf sich hält, möchte dort arbeiten. Als Mae im Circle ankommt, eröffnet sich ihr eine ganz neue Welt. Das Firmengelände, Campus genannt, ist riesig und eine kleine Welt für sich. Schlafen, wohnen, einkaufen, leben, arbeiten – das geht alles an diesem einen Ort. Die Ziele des Circle sind ganz einfach: Die Anonymität des Einzelnen wird aufgehoben, Überwachung und Kameras gibt es an jeder Ecke und die totale Transparenz ist das oberste Ziel. Nach der Meinung der oberen "Drei Weisen" wird die Kriminalität und das Verbrechen eingedämmt und die Menschheit insgesamt glücklicher.

"Jetzt sind wir alle Gott. Bald wird jeder Einzelne von uns in der Lage sein, jeden anderen zu sehen und ein Urteil über ihn zu fällen. Wir werden alles sehen, was Er sieht. Wir werden Sein Urteil aussprechen. Wir werden Seinen Zorn channeln und Seine Vergebung erteilen." (S. 448)

Schon bald gibt es aber erste Zweifler am ganzen System, die kritische Fragen stellen und mit den Machenschaften nicht einverstanden sind. Maes Exfreund Mercer ist einer von ihnen.

Der Leser liest eine Geschichte, wie man sie sich kaum besser ausdenken könnte. Man durchlebt ein Wechselbad der Gefühle. Begeisterung weicht einem Schock und der Erkenntnis, wie schlimm diese grenzenlose Transparenz wirklich ist. Der ständige Fokus, die andauernde Erreichbarkeit, die Augen der ganzen Welt, die auf Mae gerichtet sind, können nur krankmachen. Zeitweise fühlte ich mich selbst schon fast gestresst. Eine ziemlich interessante Gefühlsregung, denn eine Vorstufe dessen durchleben wir bereits jetzt. Indem wir mit dem Smartphone dauernd erreichbar sind, im Social Web interagieren und auf Kommentare und Fragen sofort antworten.

Dieses Buch bringt den Leser mit Sicherheit dazu, sein Verhalten mit dem Internet zu hinterfragen und sich auch näher damit zu befassen, wie katastrophal eine solche Entwicklung weltweit wäre, wie es im Circle passiert. Die Vorstellung als Mensch keinerlei Geheimnisse mehr zu haben und zu keiner Zeit unbeobachtet und für mich allein agieren zu können hat mich zutiefst beängstigt und fast schon geschockt.

"Mae, wir wären endlich gezwungen, bessere Menschen zu sein. Und ich glaube, die Leute wären erleichtert. Es würde einen gewaltigen globalen Stoßseufzer der Erleichterung geben. Endlich, endlich können wir gut sein. In einer Welt, in der schlechte Entscheidungen keine Option mehr sind, haben wir keine andere Wahl, als gut zu sein." (S. 331)

Der Schreibstil des Autors ist ziemlich einfach gehalten und erinnerte mich an mancher Stelle doch schon mehr an ein Jugendbuch. Das hat mir nicht sofort gefallen, aber umso mehr man in der Geschichte voran kommt, umso mehr war ich von dieser gefesselt und habe den Schreibstil gar nicht weiter beachtet. Interessanterweise verfügt dieses Buch auch über keinerlei Kapitel. Die ganze Geschichte trennt sich lediglich durch einzelne Absätze, was mich persönlich aber auch in keinster Weise beim Lesen gestört hat. Wahrscheinlich hat es sogar eher dazu beigetragen, dass ich mehr und schneller gelesen habe.

Mae Holland ist eindeutig die Hauptperson der Geschichte. War sie aber anfangs noch die schüchterne und introvertierte Person, verwächst sie immer mehr mit dem Unternehmen und den Visionen. Ihr Auftreten wird selbstbewusster und so steigt sie schon bald innerhalb des Circles auf, wird zum Aushängeschild und zur Symbolfigur für Millionen von Menschen. Dass sie sich im wahren Leben aber immer mehr abkapselt, keinen Kontakt zur Welt außerhalb des Circels hat und nicht mal mehr ihre Eltern sieht, merkt sie nicht. Sie sucht die Bestätigung bei den weltweiten Usern und ist tatsächlich ziemlich alleine. Ein Umstand und ein Verhalten, das gut zur Geschichte passte, sie mir als Person aber immer unsympathischer machte. An manchen Stellen möchte man gerne in die Geschichte springen und Mae zur Vernunft bringen und ihr die Augen öffnen.

So schön die neue Welt auf den ersten Blick sein mag und so toll sich manche Neuerungen auch anhören mögen, sind sie auf den zweiten Blick doch kein wirklicher Vorteil. Völlige Transparenz ist kein erstrebenswertes Ziel. Alles von jedem zu wissen und selbst keine Geheimnisse mehr zu haben ist eine Vorstellung, an die ich gar nicht denken möchte.

Fazit

Dave Eggers liefert mit "Der Circle" ein erschreckendes, fesselndes und doch sehr wahres Buch über eine Zukunftsvision ab, die im Zeitalter der NSA gar nicht mal so unwahrscheinlich klingt. Dieses Buch sollte man lesen.

5/5 Punkten

Kommentare:

  1. Klingt wirklich vielversprechend - das Buch ist komplett an mir vorbeigegangen - Danke für den Tipp :)

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    1. Habe es gerade fertiggelesen, war eine Qual....es ist tod langweilig und bringt keinerlei neue erkenntnisse. Wirklich schlecht geschrieben und auch schlecht recherchiert.
      Unrealistisch naiver Hauptcharakter, und auch die anderen sind irgendwie mega unfähig, insbesondere in Anbetracht ihrer angeschriebenen überragenden Intelligenz.

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  2. Habe das Buch diese Woche bei Steffi entdeckt und es direkt mal auf meine Vormerkliste fürs TB gesetzt, deine Rezension unterstreicht ja jetzt ganz dick, dass es sich lohnt! Toll geschrieben, ehrlich!! :)

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  3. Tolle Rezension, die meine Neugier auf dieses Buch nur noch mehr geweckt hat! Da der Inhalt des Buches so gut auf die heutige Zeit passt, macht es das Thema nur noch erschreckender und interessanter. Das Buch wandert gleich auf meine Wunschliste:)

    Liebe Grüße:)

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  4. Vielen Dank für diesen richtig interessanten Buchtipp! Von dem Buch habe ich noch gar nichts gehört, aber ich bin gerade richtig neugierig geworden. Das wandert sofort auf den Merkzettel :-)

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  5. Huhu Petzi,
    nun bin ich doch gleich noch neugieriger auf das Buch geworden! Hatte es vergangene Woche bereit in meinem WoW und freue mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat, denn dadurch wandert es in der WuLi noch weiter nach oben (trotz des roten Covers *g*).
    Hab noch einen schönen Sonntag!
    Liebe Grüße
    Steffi

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  6. Ich ich war in drei Buchhandlungen und habe "Der Circle" auf deutsch noch nicht gefunden. Da mir die englische Version eine zu kleine Schrift hat, werde ich mir das Buch jetzt wohl unbedingt als ebook zulegen. Hoffentlich gefällt es mir dann so gut wie dir!

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