Rezension: "Das halbe Haus" von Gunnar Cynybulk

03 September 2014 | 1 Kommentar

Zum Buch

Das halbe Haus von Gunnar Cynybulk - Dumont Verlag - 576 Seiten - ISBN 978-3832197230 - Hardcover - 22,99 Euro - bei ocelot kaufen

Inhalt

Durch diese Familie geht ziemlich viel Geschichte. Krieg und Vertreibung haben sie getrennt und so bleiben nur noch Großmutter, Vater und Sohn übrig. In Zeiten des Kalten Krieges zieht es sie in den Westen. Besonders der Vater Frank Friedrich träumt von einem Leben, in dem er tun und lassen kann, was er will. So drängt er seine Mutter Polina 1981 in den Westen überzusiedeln und erhofft sich aufgrund der Familienzusammenführung später auch unproblematisch in den Westen einreisen zu dürfen. Sein Sohn Jakob träumt dagegen von der Kinder- und Jugendsportschule. Doch dann verliebt sich Frank in Eva, die zu eng mit dem System verbunden ist. Den Traum von der Freiheit im Westen kann er trotzdem nie ganz aufgeben, bis er am Ende verhaftet wird. 

Meine Meinung

Gunnar Cynybulk  beschreibt in diesem Familieroman auf eindrucksvolle Weise die Geschichte dreier Generationen. Drei Mitglieder einer Familie, die alle unterschiedliche Vorstellungen von einem perfekten Leben haben und um ihre Freiheit kämpfen müssen.

Als ich geboren wurde, stand die DDR damals kurz vor ihrer Auflösung. Als Kind des Westens habe ich nie am eigenen Leib erfahren, welche Erfahrungen die Bürger der DDR machen mussten. Meine Einschätzung deckt sich also allenfalls mit Filmen, Berichten und Lektüre, die ich bereits zu diesem Thema gelesen habe. Dennoch konnte ich mich während des Lesens gut in Frank Friedrich hineinversetzen. Während manche Bürger die Sicherheiten und den angenehmen Lebensstandard zu schätzen wussten, wollte Frank Freiheit und die Möglichkeit dahin zu reisen, wohin er möchte. Er steht wahrscheinlich stellvertretend für all diejenigen, die tatsächlich aus der DDR geflohen sind.

Es braucht Zeit und Muse um dieses Buch zu lesen und ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, welche es verdient hat. Es ist auch eines dieser Bücher, über die man lange nachdenken muss und lange nicht weiß, wie man seine Gefühle dazu beschreiben soll, um ihm gerecht zu werden. 

Der Autor erzählt die Geschichte dieser halben Familie, in dem halben Haus, in unterschiedlichen Erzählsträngen. Da geht es zum einen um die Großmutter Polina, die über den Krieg berichtet oder um den Sohn Jakob, der eigentlich Sportler werden wollte und sich dann in diesem ganzen Durcheinander verliert. Und es geht um Frank, der sich nach Freiheit und der großen Welt sehnt, sich mit dem System anlegt und am Ende verhaftet wird. Zwischenzeitlich sind auch Einträge aus Stasi-Akten zu lesen. Beispielsweise Berichte über Verhaltensweisen von Frank Friedrich oder dem Verdacht der Planung einer Republikflucht.

"Ein Glücksstreben kann ein anderes Glücksstreben zunichtemachen. Ein Freiheitswunsch einen anderen."      (S. 475)

Gunnar Cynybulk erzählt eine ergreifende Geschichte in klarer Sprache und vermischt diese mit autobiografischen Auszügen aus seiner eigenen Familiengeschichte. Ohne noch viel mehr auf den Inhalt einzugehen, kann ich jedem empfehlen dieses Buch zu lesen, der sich für die Geschichte der DDR interessiert.

Mich persönlich lässt dieses Buch mit gemischten Gefühlen zurück. Ohne das ich je dort gelebt habe oder vom Leben dort etwas sagen kann, stellt sich mir die Frage, wie glücklich man als Bürger dort tatsächlich war. Oder waren viele nicht glücklich und wollten sie nur gegen das System nicht auflehnen?

Fazit

Ein starkes Buch, das man mit viel Zeit und Muse lesen sollte, um sich ganz auf die Handlung einlassen zu können. In klarer Sprache erzählt Gunnar Cynybulk eine ergreifende Geschichte, die den Leser nachdenklich zurücklässt.

5/5 Punkten


1 Kommentar:

  1. Schöne Bewertung! Das Buch kommt auf die Wunschliste.
    Lg Lara

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