Rezension: "Jenseits der blauen Grenze" von Dorit Linke

05 September 2014 | 3 Kommentare

Zum Buch

Jenseits der blauen Grenze von Dorit Linke - magellan Verlag - 304 Seiten - ISBN 978-3734856020 - Hardcover - 16,95 Euro - bei ocelot kaufen

Inhalt

DDR im August 1989: Hanna und Andreas sind ins Visier der Staatsmacht geraten. Ihre Pläne, die sie für die Zukunft geschmiedet haben, müssen sie aufgeben. Kein Abitur für Hanna, keine Ausbildung für Andreas. Stattdessen Willkür, Misstrauen und Ausgrenzung. Ihre einzige Chance von einem selbstbestimmten Leben liegt im Westen. Mit ihrer Flucht über die Ostsee wollen sie ihr neues Leben erreichen. Fünfzig Kilometer Wasser trennen sie davon. Sie wagen den Versuch, verbunden mit einem dünnen Seil um ihre Handgelenke. Dem Einzigen, was sie vor der absoluten Einsamkeit und Verzweiflung retten kann...

Meine Meinung

Nach "Das halbe Haus" die nächste Lektüre über die DDR. Und wieder einmal ist es ein ganz wunderbares Buch, das mich zutiefst beeindruckt hat und mir bewusst gemacht hat, wie schwierig es wohl war, in diesem Land zu überleben, wenn man sich gegen das System gestellt hat.

In zwei unterschiedlichen Erzählsträngen berichtet Dorit Linke von Hanna, Andreas und Jens. Drei Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Während "Sachsen-Jensi" allerdings mit seinen Eltern in den Westen ausreisen darf, bleiben Hanna und Andreas in der DDR zurück. Im ersten Erzählstrang erfährt der Leser von ihrer Freundschaft und dem Leben im Osten, bis hin zum zweiten Erzählstrang - der Flucht über die Ostsee in den Westen.

Es sind drei Freunde, die sich immer schon ein wenig gegen das System stellen. Sie hören West-Musik, treten nicht in die FDJ ein und machen sich über den Staat öfter lustig. Zu oft träumen sie von einem besseren Leben auf der anderen Seite und stellen doch immer wieder aussichtslos fest, dass sie es nie in den Westen schaffen werden. Der Klassenfeind muss bekämpft werden. Eine Botschaft, die schon in der Schule vermittelt wird. Wenn man sich für das System engagiert und die Ideale der DDR lebt, dann hat man eine aussichtsreiche Zukunft vor sich. Doch stellt man sich dagegen, hat man keine Chance. Was bleibt einem also noch, wenn man schon alles verloren hat? Zusammen beschließen Hanna und Andreas die Flucht, um endlich den alten Freund Jens wiederzusehen. Alles ist genau geplant, doch fünfzig Kilometer im Wasser sind endlos. Kein Land ist in Sicht und keine Hilfe naht.

"Ich habe eine bessere Idee. Ich werde abhauen. [...] Warum willst du das machen? [...] Weil ich niemals den Beruf haben werde, den ich haben will. Ich werde niemals sagen können, was ich denke. Ich werde immer lügen müssen. Und ich werde immer anecken. Keiner erklärt einem hier irgendwas. Man muss Befehle befolgen können, das ist alles. Jeder Idiot kann das." (S. 270/271)

Ich selbst habe nie in der DDR gelebt und kann wenig über die Lebensumstände sagen. In zahlreichen Büchern erfährt man so einiges und doch ist es nicht dasselbe, wie die eigene Erfahrung. Ganz bestimmt war an diesem Land nicht alles schlecht, aber dennoch stellt sich mir immer wieder die Frage, weshalb es auch so viele gab, die geflohen sind? Dieses Buch steht nur stellvertretend für ganz viele Menschen, die den Versuch gewagt haben. Manche hatten Erfolg, manche ereilte aber auch ein trauriges Schicksal und diese Tatsache ist dabei so besonderes berührend. Es ist eine Geschichte von vielen, die deshalb so besonders ins Herz trifft und mich so schnell auch nicht mehr loslassen wird.

Den verzweifelten Kampf in der Ostsee hat Dorit Linke wortgewaltig beschrieben. Als ich die Geschichte las, war ich selbst mittendrin. Hanna und Andreas schwanken zwischen hoffnungsvollem Elan, Resignation und tiefer Verzweiflung und stehen ganz oft vor dem Punkt aufzugeben oder sich in die erlösende Tiefe hinabsinken zu lassen. Obwohl sie monatelang trainiert haben, schmerzt der ganze Körper, fehlt die Energie und die Kraft. Stundenlang auf offener See, ohne einen festen Punkt vor Augen. Ja, man kann ihnen als Leser die Verzweiflung nachempfinden und gleichzeitig die Hoffnung auf ein neues und besseres Leben spüren. Es ist ein Kampf, den es zu gewinnen lohnt. Es ist gleichzeitig auch tragisch, dass sie diesen Schritt gehen. Obwohl sie wissen, dass sie dabei auch sterben könnten und den Westen nie erreichen, tun sie es trotzdem.

Es ist sehr schwierig zum Ausdruck zu bringen, was dieses Buch in mir bewegt hat. Ganz sicher ist aber, dass das einiges ist. Es war schön und interessant in diese andere, fremde Welt abzutauchen und zu erfahren, wie das damalige Leben in diesem Land war. Und es war tragisch zu lesen, wie die beiden auf offener See mit der Natur und sich selbst zu kämpfen hatten. Dieses Buch ist eine bedingungslose Empfehlung und das ganz bestimmt nicht nur für Jugendliche.

Fazit

Ein sehr aufwühlendes Buch, das einiges in mir bewegt hat. Dorit Linke schreibt schnörkellos eine Geschichte, die stellvertretend für so viele junge Menschen stehen könnte und mich von der ersten Seite an überzeugte. Eine unbedingte Leseempfehlung, nicht nur für Jugendliche.

5/5 Punkten

Kommentare:

  1. Du schreibst so schöne Rezensionen <3

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  2. Das klingt sehr interessant.
    Die Rezi ist gut, finde ich auch :-)
    Ich finde hier nur leider nichts zum Liken...

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