Rezension: "An jedem einzelnen Tag - Mein Leben mit einem Stalker" von Mary Scherpe

03 Oktober 2014 | 3 Kommentare

Zum Buch

An jedem einzelnen Tag - Mein Leben mit einem Stalker von Mary Scherpe - Bastei Lübbe - 223 Seiten - ISBN 978-3-404-60829-4 - Softcover - 14,99 Euro - bei ocelot kaufen

Inhalt

Die erfolgreiche Bloggerin Mary Scherpe wird verfolgt, von einem Stalker, der versucht in ihr Leben einzudringen. Anrufe, Postsendungen, SMS, Beleidigungen, Rufmord und Verleumdungen auf ihren öffentlichen Social Media Seiten. Er schreckt vor nichts zurück. Doch so einfach kann sich Mary nicht zur Wehr setzen. Sie zeigt ihn an, sie informiert sich, sie wehrt sich. Doch er sitzt am Ende am längeren Hebel. Entgegen der üblichen Tipps, die man zu Stalking im Internet lesen kann, fasst sie den Entschluss seine Attacken im Netz zu veröffentlichen und leistet so ein Stück weit Widerstand. Ein beklemmendes und schockierendes Buch über ein Thema, über das viele Menschen viel zu wenig wissen.

Meine Meinung

Wie fängt man an, wenn man einen Text zu diesem Buch schreiben will? Eigentlich liegt es mir nicht frei, dieses Buch zu bewerten. Auch wenn sich die Geschichte nach einem fiesen Thriller anhört, ist sie genauso, eben genau dieser Person passiert. Diese Tatsache allein ist schockierend genug. 

Wenn man selbst noch nie mit diesem Thema zu tun hatte, dann kann man wahrscheinlich nicht im entferntesten nachvollziehen, wie sich so etwas tatsächlich anfühlt. Mary Scherpe ging es genauso, wie sie in ihrem Buch selbst schrieb. Zu Beginn ist dir gar nicht bewusst, dass du gestalkt wirst, irgendwann wirst du es realisieren und dann hat es schon große Ausmaße angenommen. Mary Scherpe ist hauptberufliche Bloggerin und bloggt bei Stil in Berlin seit 2006 über verschiedene Lifestylethemen. Wie bei Bloggern üblich, ist sie somit auch online viel unterwegs und hat Konten auf Instagram, Facebook und Twitter. Die Angriffsfläche ist groß. Doch eine Person, die von der Onlinewelt lebt, kann nicht so einfach alles abbrechen und hinter sich lassen. Einfach nicht mehr online gehen ist deshalb der schlechteste Tipp, den man bekommen kann.

Mary beschreibt in diesem Buch Schritt für Schritt die Entwicklung. Wann der Stalker das erste Mal in Erscheinung trat, was er tat und schrieb, wie es ihr dabei ging. Sie verharmlost hier ganz bewusst nichts, sondern kopiert original Textauszüge und zeigt Screenshots. Die Worte wirklich so zu lesen, lässt einen das ein oder andere Mal große Gänsehaut haben. Hier sitzt du also, bist selbst Blogger (sicherlich nicht so bekannt wie sie), hast aber dennoch zahlreiche Kanäle, Daten, die du preisgibst und dir wird auf einmal bewusst, welche Angriffsfläche du solchen Menschen wirklich bietest. Theoretisch ist vieles möglich und keiner kann dich dagegen schützen. Es ist schockierend zu lesen, dass die Polizei regelrecht machtlos ist, Ermittlungen in der Regel im Sande verlaufen und du am Ende mit diesem Problem ganz alleine dastehst. Der Stalker sitzt am längeren Hebel und damit hast du als Opfer nur eine Chance: Aufgeben und davonlaufen oder dich stellen und ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen. 

Mary Scherpe hat sich für Letzteres entschieden und auf dem Tumblr-Blog "Eigentlich jeden Tag" begonnen, seine Angriffe, Nachrichten und Postsendungen zu veröffentlichen. Unkommentiert, ohne Aufmerksamkeit zu suchen. Den Müll abladen nennt sie es und ich glaube, dass dies eine gute Möglichkeit ist, diesen Ballast ein Stück loszuwerden.

Interessant sind auch die Hintergrundinfos zum Thema Stalking, den laschen Gesetzen die es in Deutschland dazu gibt oder die Geschichten, die anderen Frauen zu diesem Thema passiert sind. Welche Erfahrungen Journalistinnen mit bestimmten Berichterstattungen machen mussten und wie wichtig solche Aktionen wie #aufschrei sind, die Anne Wizorek mit anderen jungen Frauen 2013 auf Twitter ins Leben rief.

Eben weil dieses Buch kein fiktiver Thriller ist, sondern leider eine wahre Geschichte, möchte ich zum Buch selbst nicht viel sagen. Ich habe es in einem Rutsch gelesen, weil es wirklich unglaublich fesselnd ist und man es nicht zur Seite legen kann, obwohl man manchmal lieber nicht weiterlesen möchte. Es ist zudem sehr gut geschrieben, vermittelt eine beklemmende Atmosphäre und lässt mich als Leser sehr nachdenklich zurück. Auf der letzten Seite weißt Mary Scherpe auf ihre Petition hin, die man auf change.org unterstützen kann. Diese soll eine Änderung des Stalking-Paragrafen vorantreiben, die es leichter ermöglicht Stalker vor dem Gesetz für ihre Taten zu bestrafen. Ein Anliegen, das ich sehr gerne unterstützt habe. 

Fazit

Ein beklemmendes, schockierendes und gleichzeitig fesselndes Buch mit einer wahren Geschichte, die einem erst so richtig das Ausmaß von Stalking bewusst macht. Meine tiefste Bewunderung für diese Frau, die Beschimpfungen, zahlreiche Nachrichten und Verleumdungen auf den Social Media Plattformen aushielt und noch aushält. Dafür, dass sie dieses Buch geschrieben hat, das vielleicht auch anderen Opfern helfen kann. Weil dieses Buch leider kein fiktiver Thriller ist, werde ich an dieser Stelle auf eine Bewertung nach Punkten verzichten. Es steht jedem frei, diese selbst aus meinem Text zu interpretieren. Obwohl dieses Buch keine leichte Lektüre ist, sollten es aber unbedingt noch mehr Menschen lesen, um ahnen zu können, was Stalking wirklich bedeutet.

Kommentare:

  1. Klingt einfach schrecklich….und gleichzeitig faszinierend! Ich glaube, ich muss das auch lesen. Werde mir jetzt erstmal den Blog anschauen.
    LG
    Olivia

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  2. Schockierendes Thema. Bei uns in der Schweiz ist Stalking nicht einmal eine Straftat, wenn man Anzeige erstatten will, muss man sich die einzelnen möglichen Tatbestände (Nötigung, sexuelle Belästigung, Missbrauch einer Telefonanlage und was da sonst noch alles so zusammenkommen kann) erst mühsam zusammensuchen... In vielen Fällen ist die Polizei machtlos, weil die einzelnen Taten je für sich alleine nicht strafwürdig sind, und zusammenzählen kann man sie mangels Stalking-Straftatbestand ja nicht...

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  3. Eine sehr tolle Rezension, das Buch wandert ganz dringend auf meine Wunschliste. Ich finde übrigens deine Entscheidung gut, dass Buch nicht mit Punkten zu bewerten, sondern nur deine Eindrücke zu schildern. So habe ich es auch schon bei einem Buch gemacht, welches die Realität wiedergibt.

    Ich finde Stalking wirklich furchtbar und gruselig. Allein der Gedanke, dass eine permanente unterschwellige Bedrohung herrscht, verursacht mir Gänsehaut. Vor allem wenn man dann weiß, dass der Stalker nicht belangt werden kann. So etwas wünsche ich echt keinem.

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