Rezension: "Wurfschatten" von Simone Lappert

31 März 2015 | 3 Kommentare

Zum Buch

Wurfschatten von Simone Lappert - Metrolit - 207 Seiten - ISBN 978-3-8493-0095-1 - Hardcover - 20,00 Euro

Inhalt

Ada ist gerade einmal 25 Jahre jung und trotzdem ist sie fest davon überzeugt, dass sie nicht mehr lange leben wird. In ihren Träumen stirbt sie jede Nacht aufs Neue, aber auch tagsüber hat sie ständig Todesangst. Dies führt dazu, dass sie irgendwann immer seltener ihre Wohnung verlässt und sich mehr und mehr zurückzieht. Ihre Freundschaften zerbrechen, ihre Karriere als Schauspielerin ist in Gefahr. Um ihre Ängste irgendwie zu bändigen, richtet sie sich in ihrer Wohnung ein Therapiezimmer ein. In diesem Zimmer bewahrt sie all ihre Ängste auf - von A wie Atomtod bis Z wie Zyste. Als ihr Vermieter, der schon Monate vergeblich auf sein Geld wartet, sie nicht auf die Straße, aber ihr dafür einen Untermieter in die Wohnung setzt, gerät ihre ganze Konstruktion ins Wanken. Ada ist entsetzt. Ein Fremder in ihrer Wohnung, der alle ihre Schritte beobachten kann und eigene Spuren hinterlässt. Ganz zaghaft entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die vielleicht Adas Angst zügeln kann und ihr ins Leben zurückhilft.

Meine Meinung

Manchmal liest man Bücher nur, weil man sie von anderen Menschen empfohlen bekommt. Diese besonderen Bücher sind deswegen auch mit die besten, die man in die Hände bekommt. "Wurfschatten" gehört für mich definitiv zu diesen Werken dazu und ich bin dankbar, dass ich diesen Roman zur richtigen Zeit in den Händen hielt und in den Seiten versinken konnte.

Ada ist eine junge Frau, so jung wie ich selbst, die einsam in ihrer Wohnung lebt, sich von der Außenwelt isoliert und ihren Ängsten schutzlos ausgeliefert ist. Sie beobachtet ihren Körper ganz genau und jeden Herzschlag zu viel, jedes Zucken und jeden Schmerz interpretiert sie als unheilbare Krankheit, die zum Tode führt. Was man als Hypochondrie belächeln mag, ist für Ada eine unglaubliche Todesangst, die sie lähmt und zugleich handlungsunfähig macht. In schlimmen Momenten hilft nur noch ein Gang in ihr Therapiezimmer oder eine nächtliche Taxifahrt.

"Im Grunde aber wusste Ada, dass ihre Angst auch trotz der Tapete weiterwuchern würde. Sobald eine Bedrohung abklang, bildete sich an anderer Stelle eine neue. Ihre Angst war wie das Krebsgeschwür dort vor ihr, das im Verborgenen immer neue Metastasen bildete, und die Therapietapete eine stets lückenhafte Dokumentation der Ängste, die sie befielen." (Seite 18)

Als ihr Vermieter ihr Juri in die Wohnung setzt, kann Ada es kaum fassen. Ein fremder Mensch in ihrer Wohnung, der eigene Spuren hinterlässt, ihr Badezimmer benutzt und womöglich etwas von ihren Ängsten bemerken könnte. Es kostet sie unglaubliche Überwindung und Kraftaufwendung, um auch vor Juri eine heile Welt vorzuspielen und sich nichts von ihren Ängsten anmerken zu lassen. Simone Lappert erzählt diesen inneren Zwiespalt und die Kämpfe die Ada mit sich ausfechten muss auf eine stille und eindringliche Art und konnte mich damit komplett überzeugen. Auf jeder Seite, in allen Sätzen und mit allen Worten habe ich Adas Ängste förmlich gespürt und wollte des Öfteren in die Handlung springen um ihr zu helfen, sie an die Hand zu nehmen und ihr beruhigend zuzuflüstern. 

"Die Leute interessieren sich für Wunden, ganz egal, ob es Schrammen am Körper oder an der Psyche sind, erst einmal steigern sie deinen sozialen Marktwert, erst einmal ist es eine Geschichte. Aber irgendwann werden die Schwachstellen, die zuerst so aufregend waren, lästig." (Seite 48)

Die Geschichte von Juri und Ada verfolgt man zaghaft, weil man anfangs noch nicht weiß, welche Rolle Juri einnehmen wird. Tut er Ada wirklich gut, kann er ihr helfen oder verstört er sie noch mehr? Als Leser hofft, und leidet man mit, ist aber dennoch fasziniert von diesen beiden, die irgendwie so wunderbar zueinander passen. Man merkt, wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften und andere Menschen werden können und wie bedeutend es ist, wenn man mit seinen Ängsten nicht alleingelassen wird.

Der ganze Roman ist eine Ansammlung von wunderbaren Worten und wichtigen Zitaten, die man am liebsten alle markieren möchte. So viele Sätze, die wichtig sind und mich tief beeindruckt haben. Es ist nicht ganz einfach, diesen Roman an einem Stück zu lesen und man muss für diese Lektüre auch sicherlich in der passenden Stimmung sein. Ist man das nicht, dann kann man ihn durchaus falsch verstehen und nicht so aufnehmen, wie er eigentlich gedacht ist. Ich war in der richtigen Stimmung und habe die Seiten innerhalb zwei Tagen inhaliert. Ich wollte nichts von der Geschichte verpassen, war begeistert und traurig, als ich die letzte Seite gelesen habe und mich aus Adas Welt verabschieden musste.
 
Simone Lappert zeigt mit "Wurfschatten" die Ängste von Menschen mit Panikattacken auf, die nicht betroffene dennoch nur erahnen können. Dieses Buch ist kein medizinischer Roman und kein Ratgeber für Betroffene, aber er sensibilisiert vielleicht ein Stück weit die Gesellschaft, solche Erkrankungen ernst zu nehmen und nicht als Übertreibung abzutun. 

Fazit

Ein unglaublich sensibler, zugleich starker und wichtiger Roman über den Umgang mit Panikattacken und Ängsten, der mich von der ersten Seite an begeistert hat und den viel mehr Menschen lesen sollten. Zudem eine Ansammlung von tollen Worten und schönen Zitaten. Haltet das Notizbuch bereit, wartet den richtigen Moment ab und lest dieses Buch.

5/5 Punkten

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Kommentare:

  1. Hallo Petzi,

    da wird meine Wunschliste in diesem Monat gut gefüllt ;-)
    Tolle Rezension und ich freue mich schon darauf dieses Buch zu lesen.

    Liebe Grüße
    Corinna

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  2. Ab in den Wunschbrunnen damit!
    Irgendwie schaffst du es immer wieder, dass ich das dringende Bedürfnis nach Büchern verspüre, die eigentlich gar nicht in mein Leseschema passen ;) Vielen Dank für die Rezi, das Buch klingt wirklich toll.

    Liebe Grüße und frohe Ostern

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    1. Das freut mich sehr, denn genau so soll es sein. Ich hoffe, es kann dich auch so begeistert, wie es mich begeistert hat. Berichte bitte unbedingt. :-)

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