Rezension: "Girl on the Train - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich" von Paula Hawkins

29 Juni 2015 | 6 Kommentare
Jeden Morgen um die selbe Zeit fährt Rachel mit dem Zug in die Stadt und jeden Morgen hält der Zug vor einem Signal auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser und beobachtet ihre Bewohner. Ein Paar sieht sie besonders oft: Jess und Jason. So nennt Rachel die beiden und in ihren Augen führen sie ein scheinbar perfektes Leben. Ein Leben wie Rachel es früher hatte und es sich heute wünscht. Doch eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes und kurz danach liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau - von Jess. Rachel geht zur Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in diesen Fall...

Beziehungsdrama mit Spannungselementen

Bücher, die extrem gehypt werden, sind in der Regel immer mit Vorsicht zu genießen und obwohl stellenweise auch Vergleiche mit Gone Girl gezogen wurden (welches mir bekanntlich nicht so gefiel) und es mir überall und auf allen Kanälen über den Weg gelaufen ist, habe ich es gelesen. Skoobe bot es letzte Woche für kurze Zeit an und ich habe meine Chance genutzt.

Das Buch startet interessant, und obwohl anfangs und auch lange Zeit danach in der Handlung selbst wenig passiert, liest es sich gut. Ein klassischer Thriller ist es in meinen Augen sowieso nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Art Beziehungsdrama mit Spannungselementen und wenn man dementsprechend mit einer anderen Erwartungshaltung an dieses Buch herangeht, wird man wahrscheinlich auch viel mehr Freude damit haben.

Die Handlungsstränge sind unterteilt in Rachel, Megan und Anna. Rachel ist eben besagte Person, die täglich mit dem Zug nach London fährt und von dort aus die Menschen in den Gärten beobachtet. Einen besonderen Beigeschmack hat es dann, wenn man weiß, dass Rachel dort früher selbst einmal gewohnt hat. An ihrer Stelle sitzt jetzt Anna, die Rachels Platz eingenommen hat. Megan ist besagte Frau, die spurlos verschwindet. So wirr, wie dies jetzt vielleicht klingen mag, ist es in Wahrheit gar nicht.

Vielmehr hat mich persönlich gestört, dass ich wirklich zu keinem einzigen Protagonisten Sympathie empfand und mich die ganze Zeit über geärgert habe. Rachel ist die labile Persönlichkeit, die in die Alkoholsucht abrutscht und ihren Exmann scheinbar täglich Tag und Nacht terrorisiert. Anna die neue Frau an der Seite von Rachels Ex und Megan die scheinbar perfekte Frau aus der Ferne, die jedoch auch ihre Geheimnisse hat.

Das ganze Buch über dauert es ziemlich lange, bis die Handlung an Fahrt gewinnt. Wenn man nun mit den Maßstäben eines Thrillers messen würde, dann geht das Experiment ziemlich in die Hose. Für einen Thriller dauert es einfach zu lange, dass etwas passiert und als endlich etwas passiert, ist das auch nur eine Sparversion dessen, was man eigentlich erwarten würde. Wenn man nun aber an ein Beziehungsdrama denkt, dann mag das Buch gar nicht so schlecht sein. Die Irrungen und Wirrungen der Protagonisten und die Sogkraft der Erzählung ziehen einen doch immer wieder an und lassen kaum los. Vergleichbar wäre dies mit einer Berg- und Talfahrt. Stellenweise musste ich mich tatsächlich durch das Buch kämpfen und wurde dann auch wieder mit ganz passablen Stellen belohnt.

Als die Geschichte dann tatsächlich an Fahrt gewinnt, hat man aber schon gut drei Viertel der Handlung gelesen und das Ende war mir persönlich doch zu klar. Ich hatte relativ bald einen Verdacht, der mir am Ende wirklich bestätigt wurde. Rein logisch gesehen ergeben sich allerdings auch nicht recht viele andere Möglichkeiten. Bevor ich diese Rezension geschrieben habe, war mir noch gar nicht so wirklich klar, wie ich dieses Buch am Ende bewerten werde. Insgesamt landet dieser "Thriller" bei mir aber nur im Mittelfeld.

Fazit

Ein guter Schreibstil, der eindeutig Sogwirkung hat und eine interessante Grundidee ergeben ein spannendes Beziehungsdrama, in dem mich die Protagonisten aber enttäuscht haben. Wenn man dieses Buch nicht mit den Maßstäben eines Thrillers liest, dann wird man sicherlich etwas mehr Freude daran haben. Insgesamt ein gutes Buch im Mittelfeld, das man durchaus lesen kann, aber nicht muss. Der Hype ist für mich daher nicht ganz gerechtfertigt.

3/5 Punkten

Girl on the Train - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich von Paula Hawkins - aus dem Englischen von Christoph Göhler - Blanvalet - 448 Seiten - ISBN: 978-3-7645-0522-6 - Paperback - 12,99 Euro - bei glatteis kaufen

Kommentare:

  1. Schade dass es dir noch so mäßig gefallen hat. Mein Verdacht hat sich am Schluss nicht bestätigt und ich wurde ziemlich überrascht :D

    LG Nina
    www.amazingbookworld.de

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  2. Für mich immer wieder wohltuend und erhellend, wenn Abseits des Hypes eine kritische Stimme ertönt. Es ist zwar eh nicht mein bevorzugtes Genre, aber dass alle es so toll finden, das macht mich einfach immer skeptisch.
    Danke also für die Rezension!

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  3. Hey,
    schöne Rezi. Das klingt ja nicht sehr lesenswert. .. Ich lese zwar beides, fände das aber auch enttäuschend. Selbst jetzt, da ich es weiß :D
    lg. Tine :)

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  4. Interessant zu lesen ... Mir wurde es bei Amazon empfohlen, aber nachdem die Kritiken auch etwas gemischt waren, hab ich es dann wieder weggeklickt. Gestern bin ich beim Friseur in einer Zeitschrift dann noch mal über das Buch gestolpert und nun hatte ich es doch auf meiner Amazon Wunschliste. Aber scheinbar muss ich mir das noch mal überlegen xD.

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  5. Du sprichst mir fast aus der Seele - fast, weil ich es eigentlich NOCH kritischer sehen würde… Aufgrund des ganzen Medienhypes und des Untertitels habe ich wirklich einen Thriller erwartet, und das war es ganz und gar nicht. Für geübte Krimileser wird doch schnell klar, wer eigentlich der Schuldige ist, finde ich. Und die Protagonistin ging mir trotz ihres bestimmt schlimmen Schicksals schnell einfach nur auf die Nerven. Aber das ist natürlich eine sehr persönliche Einschätzung. Ich habe es deshalb auch unterlassen, für meinen eigenen Blog eine Besprechung zu schreiben. Ich wäre nicht so neutral gewesen. ;-)

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  6. Hi! Mir hat das Buch total gut gefallen, aber ich mag diese ständingen Vergleiche auf den Buchcovern etc. auch nicht. Diesen Spannungsroman hat man ja mit "Gone Girl" verglichen - ??? Auch den Hype verstehe ich nicht wirklich - mir hat es zwar gefallen, aber man hat doch ziemlich hohe Erwartungen, die sehr oft nicht erfüllt werden. Deine Rezi gefällt mir sehr gut, sehr sachlich und ehrlich. Viele Grüße, Corinna

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