Rezension: "Amon - Mein Großvater hätte mich erschossen" von Jennifer Teege

13 Juli 2015 | 3 Kommentare
Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte. In Steven Spielbergs Film 'Schindlers Liste' ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod tausender Menschen und wurde 1946 gehängt. Seine Lebensgefährtin Ruth Irene, Jennifer Teeges geliebte Großmutter, begeht 1983 Selbstmord. Jennifer Teege ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Sie wurde bei Adoptiveltern groß und hat danach in Israel studiert. Jetzt ist sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das sie nicht mehr ruhen lässt. Wie kann sie ihren jüdischen Freunden noch unter die Augen treten? Und was soll sie ihren eigenen Kindern erzählen? Jennifer Teege beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Sie trifft ihre Mutter wieder, die sie viele Jahre nicht gesehen hat. Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte, sucht die Orte der Vergangenheit noch einmal auf, reist nach Israel und nach Polen. Schritt für Schritt wird aus dem Schock über die Abgründe der eigenen Familie die Geschichte einer Befreiung.

Aufwühlend und schockierend

Dieses Jahr jährte sich das Ende des 2. Weltkriegs zum siebzigsten Mal und trotzdem kann man die Augen vor den Grausamkeiten der damaligen Zeit nicht verschließen. Auch ich lese immer wieder Bücher zu diesem Thema, weil ich geschichtlich interessiert bin und versuchen will zu verstehen, was in der damaligen Zeit passiert ist.

Amon Göth war Kommandant des Arbeits- und Konzentrationslagers Plaszow in Polen und ein grausamer Mörder und Mensch. So ging er in die Geschichtsbücher ein und so wurde er auch im Film 'Schindlers Liste' eindrucksvoll beschrieben. Er ist der Mann, der wahllos aus purem Spaß Menschen erschießt und sich daran erfreut. Jennifer Teege ist achtundreißig Jahre alt, als sie durch einen Zufall in einem Buch die Geschichte ihrer Mutter entdeckt und damit feststellen muss, dass sie die Enkelin dieses Mörders ist.

Bald schon muss sich Jennifer Teege also die Frage stellen, was Familie bedeutet und wie weit man tatsächlich mit ihr verbunden ist. Die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers wurde schon bald von der leiblichen Mutter getrennt und zur Adoption freigegeben. Trotzdem hielten die Adoptiveltern noch unregelmäßig Kontakt, weshalb sie auch ein inniges Verhältnis mit der Großmutter verband. Doch später wurde auch diese Verbindung abgerissen. Teege lebt ei normales Leben, zieht fürs Studium der Afrikanistik und der Geschichte des Mittleren Ostens sogar nach Tel Aviv und findet dort jüdische Freunde, mit denen sie noch heute eng verbunden ist. Sie leidet an Depressionen, die mitunter auch mit ihrer aufwühlenden Kindheit in Verbindung gebracht werden und dennoch lebt sie ein normales Leben. Bis zu diesem einen schicksalhaften Tag, der alles verändern wird.

Zusammen mit Journalistin Nikola Sellmair entstand dieses eindrucksvolle und gewaltige Buch, das Wort für Wort so erdrückend und doch auch hoffnungsvoll zugleich ist. Sie wirft einen Blick auf die grausame und schmerzhafte NS-Zeit und den Holocaust und zeigt gleichzeitig das die Verbrechen des Krieges auch nicht vor den nachfolgenden Generationen haltmachen. Jennifer Teege stellt sich immer wieder die Frage, welche Gene auch in ihren Adern fließen, was sie von ihrem Großvater geerbt hat und versucht mit einer Tatsache zurechtzukommen, die man nicht verstehen kann. Sie rutscht tiefer in die Depression, hat Angst sich ihren jüdischen Freunden zu öffnen und Angst vor der Reaktion aus ihrem Umfeld. Doch sie nimmt sich auch die Zeit ihre Gefühle bewusst zu spüren und zuzulassen und abschließend die Frage zu klären, ob sie eine Mitschuld trägt bzw. überhaupt tragen kann. Sie reist an die Orte der Vergangenheit, besucht das KZ in Plaszow, fährt nach Israel und verarbeitet ganz langsam die Geschichte ihrer Familie und versucht zu akzeptieren.

Dieses Buch ist ein eindrucksvoller Bericht über die Geschichte der Nachkriegsgeneration und darüber, dass der Krieg nicht 1945 aufgehört hat. In einer eindrucksvollen Art und Weise schildert Jennifer Teege in Zusammenarbeit mit Nikola Sellmair die Familiengeschichte und hat mich so gefesselt, als würde ich einen Thriller lesen. Wir dürfen nie vergessen, was damals geschah und daher sollte jeder dieses Buch lesen.

Fazit

Ein schockierender und aufwühlender Tatsachenbericht, der mich gefesselt und nicht mehr losgelassen hat. Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen und ein Buch, das man lesen sollte.

5/5 Punkten

Amon - Mein Großvater hätte mich erschossen von Jennifer Teege und Nikola Sellmair - Rowohlt Verlag - 272 Seiten - ISBN 978-3-499-61327-2 - Taschenbuch - 9,99 Euro

Kommentare:

  1. das hat mich auch sehr bewegt, vor allem, weil ich die autorin auch auf einer lesung hier in israel erleben konnte. da bekommt das ganze noch mal eine ganz andere dimension.

    falls es dich interessiert, klick gerne mal rüber:

    hier

    liebe grüße!

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  2. Hey,

    leider ist es ja auch so, dass diese Gräueltaten schon viel zu sehr in Vergessenheit geraten sind. Gerade die Generation, die keine Großeltern mehr haben, die Zeitzeugen waren, erkennen häufig nicht den Ernst und die Gefahr, die hinter dem Nationalsozialismus steckt.
    Das Buch klingt sehr interessant. Ich glaube, dass es für die Autorin wirklich ein schwerer Schlag war, zu erfahren wer ihr Großvater ist. Ich bin sehr froh, dass meine eigenen Ur-Großeltern "auf der richtigen Seite" standen, mein Ur-opa sogar gestorben ist, weil er sich für Juden eingesetzt hat, denn ich glaube, dass es schon eine schwere Last ist, mit der man zu Leben hat. Mir würde es vermutlich so gehen, auch wenn es schon lange her ist.

    Das Buch landet auf jeden Fall sofort auf meiner Wunschliste. Vielen Dank für die Vorstellung.

    Liebe Grüße
    Nanni

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    1. Liebe Nanni,

      mir geht es da wie dir und ich fand das Buch von der Seite her auch ziemlich bedrückend. Würde mich freuen, wenn du Bescheid gibst, wenn du das Buch gelesen hast. :-)

      Liebe Grüße
      Petzi

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