Rezension: "Lasse" von Verena Friederike Hasel

09 August 2015 | 8 Kommentare
Nina ist eine junge Frau, die den Zugang zur Realität mehr und mehr verliert und sich in eine Welt begibt, in der es eine eigene Logik gibt. Als Nina Mutter wird, empfindet sie nicht nur Liebe für ihr Kind und dies verunsichert sie sehr, da in ihrer Vorstellung alles ganz anders war. Sie sucht Anschluss in Mütter-Cafés und geht in Babykurse, aber trotzdem fühlt sie sich überall einsam und nicht dazugehörig. Überall sind die Frauen, die ihre Kinder bedienungslos lieben und genau wissen, was richtig und was falsch ist. Nach und nach bricht Nina den Kontakt zu ihren Mitmenschen ganz ab und konzentriert sich ganz auf ihren Sohn. Sie will es richtig und perfekt machen, auch eine perfekte Mutter werden, aber damit nimmt eine fatale Entwicklung ihren Lauf. 

Eindrucksvoll und schockierend

Nina ist eine schwierige Person, was dem Leser bereits nach wenigen Seiten vollkommen klar wird. Sie ist eine, die nicht alleine sein kann und die sofort anfängt zu klammern. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wird und Lennart trifft, scheint er der perfekte Mann zu sein. Sie fängt an von einer Zukunft zu träumen, doch für Lennart war Nina nur ein Spaß für zwischendurch. Dann ist sie schwanger und mit dem Baby erfüllt sich vielleicht doch noch der Traum einer heilen Familie? 

Ich selbst kann da kaum etwas dazu sagen, habe ich ja noch keine Kinder. Aber es muss furchtbar sein, wenn man ein Kind auf die Welt bringt, das man einfach nicht lieben kann. Genau so geht es Nina, die ein Kind erwartet, dass von Anfang an einen schlechten Start hat. Der Vater will es nicht, versucht sie sogar zur Abtreibung zu bewegen. Sie aber hält am Gedanken fest. Wahrscheinlich auch um eine Beziehung zu retten, die nie eine war. Als das Kind dann aber da ist, beginnen die Probleme.

Anfangs ist Nina sogar von einer Verwechslung überzeugt und kann nicht glauben, dass das etwas zu große, zu dicke Baby ihr eigenes sein soll. Sie will alles richtig machen und macht doch so viel falsch. Ihr Kind, das sie eigentlich "Lasse" nennen wollte, wird doch nur ein Felix. Weil ihr Kind nicht wie ein Lasse aussieht. Nicht wie das Kind, dass sie sich immer vorgestellt hat. Er schreibt und schreit und er sieht sie nicht an wie ein Kind, das seine Mutter liebt. Denkt sie. Sie versucht Anschluss zu finden, in Babykursen und Mütter-Cafés und passt irgendwie doch nicht in diese Welt. Also kapselt sie sich ab, versucht alleine zurechtzukommen und will eigentlich genau das nicht sein. Sie macht das, was die Baby-Ratgeber schreiben, versucht die perfekte Mutter zu sein, will alles richtig machen und macht doch so viel falsch. 

Verena Friederike Hasel, die u.a. Psychologie studiert hat, beschreibt in "Lasse" ein sehr ernstes und tragisches Thema, das auch in Deutschland öfter vorkommt, als man sich vorstellen mag. Dabei ist es unglaublich eindrucksvoll, wie es die Autorin schafft, die Gefühlswelt von Nina darzustellen. Als Leser erlebt man auch mit ihr verschiedene Stadien, die über völlige Antipathie bis zum Verständnis reichen, und ist vom abschließenden Ende so geschockt, dass man gar nicht recht beschreiben kann, was man fühlt. 

Der Schreibstil und Ninas Welt haben mich dabei so in Beschlag genommen, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Wenn man Bücher mit psychisch instabilen Personen lesen kann und sich auf ein ernstes, tragisches und schockierendes Thema einlassen möchte, dann sollte man unbedingt zu "Lasse" greifen. Für mich ein ganz großes Stück Literatur, das auch jetzt noch nachhallt. 

Fazit 

Ein eindrucksvoller Roman über ein ernstes und schockierendes Thema, der von Verena Friederike Hasel so bildgewaltig und eindrucksvoll erzählt wurde, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Für mich ein ganz großes Buch, das man unbedingt lesen sollte. 

5/5 Punkten

Lasse von Verena Friederike Hasel - Ullstein - 208 Seiten - ISBN 978 3 550 080 937 - Hardcover - 18,- Euro 

Kommentare:

  1. Wow.
    Das Buch hört sich wahnsinnig spannend an. Gleichzeitig aber wahrscheinlich auch schwierig zu verdauen. Sehr mutig von der Autorin, sich so einem Thema zu widmen.

    Ich werde es auf jeden Fall auf meine Wunschliste setzen.

    Vielen Dank für die tolle und interessante Rezension!

    Lieber Gruß

    https://daskneipenkind.wordpress.com/

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  2. Scheint ein tolles aber emotionales anspruchsvolles Buch zu sein. Ich weiß gar nicht, ob ich das gerade lesen kann. Aber für später merk ich mir das gerne mal vor.

    Liebe Grüße,

    Steffi

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  3. Deine Rezension spricht mir aus dem Herzen!
    Ich blieb am Ende auch fassungslos zurück und in meinem Kopf geistert die Geschichte auch heute noch rum, Tage später!
    Dieses Buch bietet Stoff für Diskussionen!
    Das muss man teilen und empfehlen!
    Danke für die tolle Rezension!
    Liebe Grüße

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    1. Das unterschreibe ich komplett. Bin froh, dass ich das Buch gelesen habe.

      Liebe Grüße
      Petzi

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  4. Das klingt, als müsste es jetzt runter von der Wunschliste und dringend gelesen werden!
    Danke, für deine starke Rezension!

    Liebe Grüße,
    Ramona

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    1. Das ist so! Solltest du bald lesen, weil es wirklich ein sehr starkes Buch ist.

      Liebe Grüße
      Petzi

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  5. Ja, beim Lesen steigt die Fassungslosigkeit....der Wahnsinn....ich weiss bis heute nicht, ob mir die Mutter leid tun soll oder ob ich sie verdammen soll.....

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  6. Das Buch habe ich kürzlich erst innerhalb eines Tages gelesen. Es ist wirklich zugleich erschreckend als auch beeindruckend vom Schreibstil her. Ich denke, ich kann schon jetzt sagen, dass es zu meinen Jahreshighlights gehören wird.

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