Im Gespräch mit Verena Friederike Hasel

09 September 2015 | 8 Kommentare
© Doris Spiekermann-Klaas
Die Reporterin und Autorin Verena Friederike Hasel hat in diesem Jahr mit 'Lasse' ihr literarisches Debüt im Ullstein Verlag veröffentlicht. 'Lasse' war ein Buch, welches mich sehr bewegt und schockiert zurückgelassen hat und über das ich auch später noch oft nachgedacht habe. Ich wollte die Chance nutzen und der Autorin noch einige Fragen stellen, die sie hier im Interview beantwortet hat.

Liebe Verena, mit 'Lasse' ist soeben dein erster Roman im Ullstein Verlag erschienen. Du hast Psychologie und Drehbuch studiert und arbeitest als Reporterin und Autorin für den Tagesspiegel und Die Zeit. War es schon immer ein Wunsch von dir, auch einmal ein eigenes Buch zu schreiben?
Nein. Erzählen war immer mein Wunsch, aber das kann man ja auf ganz verschiedene Weisen tun, in einer Reportage genauso wie durch ein Drehbuch oder mit einem Roman. Und manchmal wird aus dem einen auch das andere. Das Thema, um das es in meinem Roman geht, ist mir zunächst als Journalistin begegnet. 

Die Thematik von 'Lasse' ist keine einfache, besonders dann nicht, wenn man selbst drei Kinder hat. Hat dich dein Studium der Psychologie auf diese Geschichte gebracht oder warum behandelt es ausgerechnet dieses Thema? 
Viele Debütromane sind pure Nabelschau und beschäftigen sich im Grunde mit autobiographischen Erlebnissen des Autors. Manchmal ist das dann noch nicht einmal besonders kunstvoll verfremdet. Das hat mich nicht interessiert. Ich möchte mein eigenes Leben nicht in einem Buch verarbeiten, das würde mich langweilen. Ich hatte einen anderen Ansatz und wollte von einer Person erzählen, die uns weit weg erscheint und sie dicht an uns heranholen. Die große Herausforderung, das Spannende beim Schreiben war: Wie schildere ich die Protagonistin einerseits so nachvollziehbar, dass man sich in ihr wieder findet, und mache das harte Ende trotzdem plausibel? Und thematisch war es mir wichtig, bestimmte Tabus anzusprechen, die es gibt in der Welt der Mütter und Kinder, und mal unter den rosaroten Schleier zu schauen, den man oft über die Babyzeit wirft. 

Wenn man nicht ganz gefühllos ist, dann verstört und schockt dieses Buch stellenweise durchaus. Wie nah ging es dir beim Schreiben selbst? 
Auch wenn es komisch klingt. Ich habe das Buch mit großer Freude geschrieben. Mein Arbeitsalltag ist sonst sehr fremdbestimmt. Ich habe Termine und bin abhängig von der Zeit anderer. Für mich war es ein großer Luxus, einmal so selbstbestimmt arbeiten zu können. Gerade da ich selbst kleine Kinder habe. Sie sind ja noch nicht in der Schule und sind deshalb eigentlich noch sehr frei. Die Unfreiheit kommt durch meine Arbeit als Journalistin, da muss ich sie dann morgens im Bad zur Eile ermahnen, damit ich pünktlich für meine Termine bin. Wenn man aber einen Roman schreibt, spielt es keine Rolle, ob man eine halbe Stunde früher oder später am Schreibtisch sitzt. Und deshalb habe ich es wahnsinnig genossen, mit meinen Kindern morgens trödeln zu können. Du wolltest aber wahrscheinlich vor allem wissen, wie mir beim Schreiben bestimmter Szenen zumute war. Manchmal war ich ausgelaugt und erschöpft danach, das sicherlich, aber grundsätzlich fand ich die Geschichte selbst so spannend, dass ich mich jeden Tag darauf gefreut habe, sie weiterzuschreiben. 

Stand dieses Thema von Beginn an für dich fest und wie lange hast du an diesem Buch gearbeitet? 
Von der ersten Idee bis zum fertigen Werk. Dass ich davon erzählen, wie es ist, wenn eine Frau nicht hineinfindet in ihr Leben als Mutter, stand fest, ja. Auch das dramatische Ende, das die Geschichte nimmt, hatte ich schon im Kopf, als ich begann. Wie lange ich daran gearbeitet habe, kann ich schwer sagen. Es war ein etwas ungewöhnlicher Entstehungsprozess. Die Idee hatte ich schon lange, bin aber neben meiner täglichen Arbeit nie dazu gekommen, sie auch umzusetzen. In meiner Babypause habe ich dann begonnen, und als die Pause vorbei war, habe ich das, was ich bis dahin geschrieben hatte, einem großartigen Literaturagenten gegeben. Er hat es dann sehr schnell an Ullstein verkauft. Und erst dann habe ich mir freigenommen und den Roman zu Ende geschrieben. 

Ich für meinen Teil war sehr angetan von deinem Schreibstil und würde auch ein weiteres Buch lesen. Gibt es da schon konkrete Pläne oder muss eine neue Idee erst mal in Ruhe reifen? 
Ich habe mehrere Ideen, ja. Und bin auch gerade wieder in Babypause, nur ist dieses Mal weniger Ruhe, da ich ja nun drei Kinder habe. Aber ich träume davon, mich demnächst wenigstens abends, wenn alle schlafen, wieder an den Schreibtisch zu setzen und etwas zu schreiben. 

Wie sieht dein Programm in nächster Zeit aus? Wirst du auf der Frankfurter Buchmesse sein? Kann man dich auf Lesungen treffen? 
Es gibt nun die ersten Termine für Lesungen in Berlin und gerade kam eine Einladung auf die Buchmesse, wo eine Literatursendung aufgezeichnet wird. Meine kleinste Tochter, die ich ja noch stille, werde ich mitnehmen und ich bin mir sicher, dass die Frage kommen wird, wie man denn dazu kommt, so etwas Düsteres zu schreiben, wenn man doch selbst Mutter ist. Doch ich glaube, wenn wir Mütter ehrlich sind, wissen wir alle mehr von dunklen Stunden, Verzweiflung und Einsamkeit als wir oft zugeben wollen. 

Vielen Dank für dieses offene und sehr ehrliche Interview und deine Zeit.

Die verstörende Geschichte einer jungen Frau, die immer mehr den Zugang zur Realität verliert und sich in eine Welt hineinbegibt, in der eine ganz eigene Logik gilt. Als Nina Mutter wird und spürt, dass sie nicht nur Liebe für ihr Kind empfindet, ist sie verunsichert. Sie sucht Anschluss in Mütter-Cafés und Babykursen, aber fühlt sich isoliert. Überall sind Frauen, die selbstverständlich und mühelos liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Die stets genau wissen, was richtig ist und was nicht. Für die jeder Zweifel schon ein Tabubruch ist. Nach und nach bricht Nina den Kontakt zu ihren Mitmenschen ab, unfähig, eine Verbindung zu anderen herzustellen. Als sich für sie alles nur noch auf ihren wenige Monate alten Sohn konzentriert, nimmt eine fatale Entwicklung ihren Lauf. In atemlosen Sätzen, die auf beklemmende Weise die Kraft der Einbildung erlebbar machen, wird aus der Perspektive einer Frau erzählt, deren Ängste durch ein Umfeld verstärkt werden, das bei bestimmten Themen keine Ambivalenz erträgt. >> zur Rezension

 

Kommentare:

  1. Danke, für dieses ehrliche Interview und die guten Fragen!
    Nun würde mich aber brennend interessieren, wann und wo die Autorin denn in Berlin zu sehen und zu hören ist. :)
    Mal sehen, ob man da in nächster Zeit etwas findet.

    Liebe Grüße,
    Ramona

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    1. Liebe Ramona,

      vielen Dank für deine netten Worte. Ich hoffe, dass ich die Autorin auf der Buchmesse sehen kann und bin schon sehr gespannt. :)

      Liebe Grüße
      Petzi

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  2. Tolles Interview, vielen Dank!
    Ich bin gespannt, was wir von dieser Autorin noch zu erwarten haben.
    Immerhin sprechen ja ihre Artikel schon für sich. Sie nimmt sich Themen an, über die andere lieber schweigend hinweg sehen.
    Und vielleicht schafft es ja wieder eins ihrer Arbeitsthemen zu einem Roman.
    Gepaart mit ihrem Schreibstil, den auch ich richtig gut fand, da lässt sich so einiges Gutes erhoffen!
    Ich freu mich drauf!
    Liebe Grüße,
    Kerstin

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    1. Liebe Kerstin,

      da muss ich dir absolut zustimmen. Bin sehr gespannt auf die Autorin und hoffe auf ein neues Buch. Ihr Stil sagt mir einfach sehr zu. In der Zwischenzeit versuch ich einfach, dieses Buch noch mehr unter Leute zu bringen und es zu empfehlen. :-)

      Liebe Grüße
      Petzi

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  3. Hallo Petzi,

    ein tolles und sehr charmantes Interview, dass mich jetzt erst Recht neugierig macht auf das Buch.

    Liebe Grüße
    Corinna

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    1. Liebe Corinna,

      das Buch solltest du unbedingt lesen. Mir hat es zumindest sehr gefallen. :-)

      Liebe Grüße
      Petzi

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  4. Was für ein schönes und vielschichtiges Interview!
    Sehr gern mehr davon, liebe Petzi!

    Liebst
    Mareike

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    1. Liebe Mareike,

      vielen lieben Dank für deine netten Worte, über die ich mich wirklich sehr gefreut habe. Ich versuch mein bestes zu geben und bald wieder so ein tolles Interview zu veröffentlichen. Das Buch dazu kann ich dir übrigens sehr ans Herz legen. :-)

      Liebe Grüße
      Petzi

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