Rezension: "Meinen Hass bekommt ihr nicht" von Antoine Leiris

08 September 2016 | 3 Kommentare

Am 13. November 2015 sah Antoine Leiris seine Frau Hélène zum letzten Mal – sie wurde an diesem Tag mit neunundachtzig weiteren Personen im Konzertsaal Le Bataclan Opfer der Terroranschläge in Paris. Während die Welt geschockt und in tiefer Trauer versuchte, eine Erklärung für das Unfassbare zu finden, postete der Journalist auf Facebook einen offenen Brief. In bewegenden Worten wandte er sich darin an die Attentäter und verweigerte „den toten Seelen“ seinen Hass – und den seines damals siebzehn Monate alten Sohnes Melvil. Die Botschaft ging um die Welt. Er, der an jenem Tag die Liebe seines Lebens verlor, hatte nur eine Waffe: seine Worte. Das Grauen, der Verlust und die Trauer haben Antoine Leiris‘ Leben erschüttert. 

Eine unfassbare Tragödie

Erst vorgestern habe ich über dieses Buch berichtet und es zur Liste derer hinzugefügt, die ich ganz bald lesen will. Die ganze Zeit über ließ mich dieses Buch nicht los und – E-Book sei Dank – habe ich es dann ganz spontan geladen. 

Dieses Buch hat nur knapp hundertfünfzig Seiten und ist damit äußerst schnell und in einem Rutsch lesbar. Diese wenigen Seiten sind dabei aber so intensiv und so eindringlich, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Oft lasse ich einige Tage vergehen, bis ich etwas zu einem Buch schreibe. Bei diesem lagen mir die Worte förmlich im Mund und ich musste sofort lostippen und wollte euch da draußen von diesem Buch erzählen.

Antoine Leiris ist Journalist, mit der Liebe seines Lebens verheiratet und hat einen bezaubernden siebzehn Monate alten Sohn. Am 13. November 2015 verabschiedet sich Hélène um auf ein Konzert zu gehen und wird nie mehr zurückkehren. Seine Worte, seine Gedanken, seine Gefühle sind so eindringlich und intensiv beschrieben, dass es mir beim Lesen an manchen Stellen die Luft raubte. Ich habe die Verzweiflung gefühlt und die Trauer, habe dennoch an einigen Stellen auch Schönes entdecken können und war am Ende so voller Wut. Wut auf die Menschen, die so eine sinnlose und grausame Tat begangen haben und damit das Leben dieses Mannes und seines Sohnes für immer verändert haben. Ein kleines Kind, das sich später wahrscheinlich gar nicht mehr richtig an seine Mutter erinnern kann. Ein Kind, das auf seine Mutter und deren Nähe so dringend angewiesen wäre und seine Mutter so sehr vermisst. Ebenso wie Antoine seine Frau vermisst. 

Es ist außerordentlich bemerkenswert, wie Leiris mit dieser Tragödie umgeht, wie er diese Menschen nicht hasst, sondern sich mit diesem Schicksal abfindet und versucht zu begreifen. Er schreibt an einer Stelle, dass dieser Tod ihr Schicksal war. Dass sie genauso gut bei einem Autounfall versterben hätte können oder sie ein Tumor dahingerafft hätte. Dennoch fällt es ihm außerordentlich schwer sein Leben neu zu ordnen. Er hat diese Frau geliebt und das merkt man in all seinen Sätzen.

Noch nie zuvor habe ich mir so sehr gewünscht, dass die gelesene Geschichte Fiktion wäre. Dass sich irgendein Autor dieses Szenario ausgedacht hätte und alles so überhaupt nicht passiert wäre. Stattdessen ist es leider wahr, und obwohl ich damals schon sehr von diesem Attentat mitgenommen war, bin ich jetzt einfach nur entsetzt. Die Geschichte zu einem einzelnen Schicksal zu kennen macht es viel schwerer erträglich, so wahnsinnig real und letzten Endes unfassbar.

Fazit

Dieses Buch, dieser Tatsachenbericht hat mich umgehauen und unglaublich nachdenklich zurückgelassen. Antoines Leid ist auf allen Seiten spürbar und sein Schicksal berührte mich sehr. Eine ergreifende Erzählung, die man unbedingt gelesen haben sollte. 

An dieser Stelle verzichte ich auf eine Punktebewertung, weil diese reale Geschichte nicht an Punkten gemessen werden kann. Lest dieses Buch und macht euch selbst ein Bild.

Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris - aus dem Französischen von Doris Heinemann - Blanvalet - 144 Seiten - ISBN 978 3 764 506 025 - Gebundene Ausgabe - 12,- Euro - bei Amazon kaufen* | im Buchhandel kaufen
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Kommentare:

  1. Hey,
    unvorstellbar was dieser Mann durchleidet. Dann so damit umzugehen beweist unfassbare Größe. Ich glaube jeder könnte nachvollziehen,wenn er von Hass getrieben würde. Diesem keinen Nährboden zu geben bietet dem Terrorismus die Stirn. Allergrößten Respekt dafür.

    Liebe Grüße
    Nanni

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  2. Auf das Buch bin ich schon einmal aufmerksam geworden,
    jetzt steht es auf jeden Fall auf meiner Wunschliste:)

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  3. Hey,
    das Buch möchte ich gerne noch lesen, weil mich seine Worte kurz nach dem Anschlag sehr berührt haben. Es ist unfassbar, was manche Menschen aus Überzeugung tun und damit anderen antun. Sehr gefühlvolle und passende Rezension!
    lg. Tine =)

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