Rezension | 'Das Kind der Anderen' von Bethan Roberts

08 November 2016 | 2 Kommentare

An einem warmen Junimorgen kommt Maggie Wichelo, eine einsame junge Frau, in dem gemütlichen Haus an, wo sie als Nanny arbeitet. Alles erscheint ganz normal. Es ist das Haus ihrer Kusine Nula. Nula hat wieder angefangen zu arbeiten und Maggie den zweijährigen Sohn Samuel anvertraut. Maggie ist konsequent, effizient und liebevoll, eine bessere Nanny gibt es nicht so sieht sie sich selbst, und Nula und ihr Mann sehen es auch so. Aber heute wird Maggie Samuel einfach mitnehmen in ein Bootshaus auf der Insel, auf der sie ihre Teenager-Zeit verbracht hat: Anglesey, die von den Inselbewohnern Mon, Mam Cymru oder die Mutter von Wales genannt wird. Für Maggie hat alles auf dieser Insel angefangen: Das ist der schöne, bedrohliche und mysteriöse Ort, wo sie mit fünfzehn den Sommer verbracht hat, wo ihr Bruder Joe und ihre Kusine Nula sich verliebt, ihre Eltern sich getrennt haben und ihr Onkel die großartige Menai Strait gemalt hat. Auf dieser Insel ist Maggies Leben zerbrochen, und hier versucht sie, es wieder zusammenzusetzen. Das Kind der Anderen ist ein spannender und verstörender Roman über Liebe, Verlust und darüber, was es bedeutet, Mutter zu sein.

Ein spannendes psychologisches Drama

Bethan Roberts ist ein gutes Beispiel dafür, wie man allein mit Worten fesseln kann. Bei diesem Buch handelt es sich mitnichten um einen Thriller. Als Leser wurde ich aber so gut unterhalten, als hätte ich einen solchen in der Hand.

Maggie ist eine junge unscheinbare Frau, die als Kindermädchen arbeitet und irgendwann eine Stelle bei ihrer Cousine Nula annimmt. Sie kümmert sich fürsorglich und gewissenhaft um Nulas Sohn Samuel. Sie scheint sehr diszipliniert und dennoch bemerkt der Leser bald, dass ihre Gedanken schon längst abschweifen. Immer wieder spielt sie das Szenario einer Kindesentführung durch, bis der Tag gekommen ist, an dem sie mit Samuel geht. In wechselnden Kapiteln erzählt die Autorin Maggies Geschichte und verwebt gekonnt Vergangenheit und Gegenwart zu einer fesselnden Handlung, der man kaum entkommen kann. Sie beleuchtet Stück für Stück die Hintergründe der Tat und langsam kommt der Leser dem eigentlichen Grund von Maggies Plan immer näher.

Es ist ein eindringliches Familiendrama, in dem aufgestaute Gefühle so lange unter der Oberfläche brodeln, bis sie explodieren und Schlimmes zutage fördern. Es geht um Eifersucht, verletzte Gefühle, unausgesprochene Worte, falsche Taten und tiefe Verletzungen.

Bethan Roberts beherrscht es ausnehmend gut, die Gefühls- und Gedankenwelt einer frischgebackenen Mutter zu transportieren. Sie erzählt von postnatalen Depressionen und dem Gedanken, sein eigenes Kind als Belastung zu empfinden. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und zeichnet authentische und intensive Figuren, denen ich gut folgen konnte. Besonders Nula ist ihr ausnehmend gut gelungen. Ich konnte ihren inneren Kampf sehr gut nachvollziehen und verstehen, dass sie einerseits eine gute Mutter sein will und andererseits oft auch keine Kraft dafür hat. Gleichzeitig ist da Maggie, das scheinbar perfekte Kindermädchen, der alles gelingt und die ihren Sohn immer zum Lachen bringt. Eine gewisse Rivalität schwebt immer im Raum, die ihren Ursprung weit in der Vergangenheit hat.

Der einfache Schreibstil und ihre kluge Beobachtungsgabe haben mich überzeugt. Ihre Worte sind stark, manchmal unangenehm, aber letzten Endes immer packend.

Fazit

Ein spannendes psychologisches Drama, das von Bethan Roberts ausnehmend gut erzählt wurde und sprachlich und inhaltlich überzeugte. Wenn man einmal mit diesem Buch beginnt, dann wird man es so schnell nicht mehr aus der Hand legen können.

5/5 Punkten

Das Kind der Anderen von Bethan Roberts - aus dem Englischen von Astrid Gravert - Kunstmann Verlag - 320 Seiten - ISBN 978-3-95614-121-8 - Hardcover - 22,- Euro - bei Amazon kaufen* | im Buchhandel kaufen
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Kommentare:

  1. Ich will es lesen. Jetzt sofort. Großartig in Worte gefasst! Danke!

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  2. Hallo Petzi,

    ich mag ja solche Familien- bzw. psychologischen Dramen sowieso. Aber auf deine Buchempfehlungen vertraue ich. Da kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Es kommt glatt auf die Leseliste.

    Und noch etwas: Ich habe dich für den Liebster-Award nominiert. Ich freue mich, wenn du meine Fragen an dich beantwortest und ich dich so noch ein bisschen besser kennenlerne.

    Nähere Infos findest du in meinem Blogpost dazu :)
    http://bit.ly/2ffQXKC

    Liebste Grüße
    Luise

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