Rezension | 'Unsere Seelen bei Nacht' von Kent Haruf

19 Juli 2017 | 4 Kommentare

Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst. 

Eine leise Geschichte mit großer Wirkung

Der mittlerweile verstorbene Autor Kent Haruf hat mit diesem Buch eine wundervolle Geschichte hinterlassen, die man in kurzer Zeit gelesen hat und die einen so schnell nicht loslassen wird. Warum ist das so? 

Addie lebt seit dem Tod ihres Mannes alleine und ist täglich beschleicht sie ein Gefühl von Einsamkeit, also macht sie ihrem Nachbarn, ebenfalls Witwer, den Vorschlag bei ihr zu übernachten. Es geht nicht um Sex, nicht um eine Beziehung, sondern zuerst einmal nur um das Gefühl nicht alleine sein zu müssen. Jemanden neben sich zu haben, dem man seine Sorgen und Probleme erzählen kann. Louis willigt in diesen ungewöhnlichen Vorschlag ein und die beiden teilen fortan fast täglich das Bett miteinander. Sie erzählen sich gegenseitig von ihrem Leben und loten aus, wie sie zu denen wurden, die sie heute sind. 

Harufs Erzählung ist auf den ersten Blick eine einfache Geschichte, die nicht viel zu bieten hat. Auf den zweiten Blick ist es aber eine einfühlsame Geschichte, die tief berührt. Sie zeigt auf besondere Art und Weise, dass es nie zu spät ist, für seine Träume und Sehnsüchte zu kämpfen und für seine Wünsche einzustehen. Dabei kommt dieses Buch vollkommen ohne Kitsch und große Romantik aus und überzeugt vielmehr mit eindringlicher Tiefe. Harufs Schreibstil ist einfach und kurzgehalten, er verliert sich nie in Ausschweifungen und lebt von den starken Dialogen zwischen Addie und Louis. 

Schockiert hat mich dagegen das Verhalten von Addies Sohn, der hier einfach nur ein unglaublich egoistisches Verhalten an den Tag legt und nicht akzeptieren kann, dass seine Mutter eine neues Glück gefunden hat, wieder Freude am Leben findet und ihr der Umgang mit Louis mehr als gut tut. Ich habe ein anderes Ende erwartet und war im ersten Moment enttäuscht. Wenn man es aber aus der Distanz betrachtet, dann ist es von Kent Haruf klug gewählt. Es lässt Spielraum für eigene Gedanken und den Leser sicherlich auch nachdenklich zurück. 

Fazit

Mit 'Unsere Seelen bei Nacht' hält man ein kleines Stück gute Literatur in Händen, die bewegt, aufwühlt und nachdenklich macht. Eine wunderbar leise Geschichte, die dennoch unglaublich stark ist und bewusst macht, dass man in jedem Alter für Träume und Sehnsüchte kämpfen sollte. 

5/5 Punkte

Unsere Seelen bei Nacht von Kent Haruf - aus dem Amerikanischen von Pociao - Diogenes Verlag - 208 Seiten - ISBN 978-3-257-06986-0 - Hardcover - 20,- Euro - bei Amazon kaufen* 
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Kommentare:

  1. Ich bin nun schon mehrmals an dem Buch vorbei gegangen und habe es gar nicht so richtig wahrgenommen, weil ich - warum auch immer - einen anderen Inhalt erwartet habe. Ich habe auch gesehen, dass das Buch verfilmt wird, aber da ich eh selten ins Kino gehe, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Wie gut, dass ich nun deine schöne Rezi dazu gelesen habe, denn vermutlich wird mir das Buch richtig gut gefallen. Deshalb packe ich es jetzt auch direkt mal auf meine Wunschliste :D

    Viele liebe Grüße
    Nanni

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  2. Hallo Petzi,

    dieses Buch fand ich wundervoll! Es ist direkt zu einem Herzensbuch geworden. Ich war so glücklich mit Addie und Louis und hatte regelrecht Schmerzen, als Addies Sohn anfing, dieses Glück zu zerstören. Ein Buch mit einem wichtigen Thema, da ich doch öfters beobachten kann, wie Leute das ganz späte Glück belächeln, oftmals sogar verurteilen.
    Habe das Buch auch rezensiert. Wenn du Zeit und Lust hast, kannst du ja mal vorbeischauen.

    GlG vom monerl

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  3. Klingt nach einem wundervollen Buch. Menschen, die im Alter einsam werden, gibt es ja leider viele und es zerbricht mir jedes Mal das Herz, wenn man so etwas mitbekommt. Da ist es wirklich wundervoll, wenn sie wieder einen Menschen kennenlernen, der sie glücklich macht.
    Das Ende der Geschichte klingt wirklich traurig, aber häufig macht das ja auch gute Literatur aus. Ein Ende, dass den Leser aufgewühlt und nachdenklich zurücklässt.
    Liebe Grüße
    Saskia

    https://elbeundalster.wordpress.com

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  4. Liebe Petzi,
    Ich habe dieses Buch vor einer gefühlten Ewigkeit gelesen und stimme vollkommen mit dir überein. Es ist ein so großartiges Buch. Von der Thematik her erinnert es mich an "Ein Leben mehr", was mich auch extrem begeistern konnte.
    Es ist meiner Meinung nach gerade im Alter so wichtig nicht alleine zu sein und diesen letzten Lebensabschnitt nicht alleine gehen zu müssen, sondern jemanden an seiner Seite zu haben, der einen versteht und der einen liebt. Ich wünsche mir das auch für meine Oma. Denn manchmal ist die Liebe der Familie einfach nicht genug,

    Liebst, Lotta

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