Rezension | 'Wie wir lieben: Vom Ende der Monogamie' von Friedemann Karig

05 September 2017 | 6 Kommentare

Ein neues Zeitalter der Liebe. Die Monogamie scheint am Ende, jede zweite Ehe wird geschieden. Brauchen wir ein neues Wort für Liebe? Friedemann Karig hat ein offenes und zärtliches Buch geschrieben über Menschen, die die Erfüllung in einer Liebe suchen, die anders ist und frei. Mit allem Schmerz. Mit allem Glück. Mit oder ohne Kinder. Mit oder ohne Happy End. Ein packendes Buch darüber, wie wir heute lieben wollen. 

Ein neues Zeitalter der Liebe.

Im heutigen Zeitalter sind wir so frei, wie wir noch nie waren. Theoretisch gibt es unbegrenzte Möglichkeiten, eine feste monogame Partnerschaft ist kein Kriterium mehr, aber dennoch in vielen Köpfen fest verankert. 

Ich bin völlig unbedarft an dieses Buch herangegangen, weil ich tatsächlich die Idee im Kopf hatte, dass der Autor uns hier eine Geschichte serviert. Vielmehr ist es aber eine Art Sachbuch und diese Tatsache hat mich gleich noch mehr begeistert. Karig wirft zwischendurch immer wieder Kapitel ein, welche die Geschichte von real existierenden Personen erzählen. Personen, die eine ganz andere Beziehungsform gewählt haben, als wir sie vielleicht kennen und üblich finden. Dennoch oder gerade deshalb funktioniert die Beziehung, bleibt die Liebe nicht auf der Strecke. Deren Lebenswege und Beziehungsmodelle habe ich sehr interessiert gelesen. Gleichzeitig habe ich auch immer wieder in mich selbst hineingehorcht, wie ich damit umgehen würde. Wäre das was für mich? 

Dieses Buch schafft es auf allen Ebenen zum Nachdenken anzuregen, lässt mich beim Lesen immer wieder kurz innehalten und bietet sich als ausgezeichneter Diskussionsstoff zum Thema an. Ich lebe in einer monogamen Beziehung und will es auf lange Sicht wohl auch nicht ändern, aber dennoch konnte ich viele Situationen nachvollziehen und habe die Sichtweise und kritische Auseinandersetzung mit der monogamen Lebensform interessiert verfolgt. Themen wie Treue, Liebe, Sex und Eifersucht sind hier ebenso Thema und wenn man unvoreingenommen an das Buch herangeht, dann wird man zwangsläufig darüber nachdenken und seine eigene Einstellung eventuell auch hinterfragen müssen. Damit ist dieses Buch eben auch eines von der Sorte, welches nicht nur gelesen und weggelegt wird. 

Ich habe das ganze Buch regelrecht verschlungen, als hätte ich einen spannenden Thriller in Händen. Karig schafft es selbst trockene Zahlen und Studienergebnisse so in das Buch zu verpacken, dass man es mit Freuden liest. Auch die geschichtliche Entwicklung und Bedeutung der Liebe, Partnerschaft und Ehe bekommt hier seinen Platz und dabei schafft er es, nie belehrend zu wirken. Er hebt nicht den moralischen Zeigefinger, er möchte dem Leser nichts vorschreiben oder gar aufzwingen. Er will hier einfach nur informieren, dazu animieren einen Blick über den Tellerrand zu werfen und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es auch andere Beziehungsmodelle gibt, die funktionieren und in Ordnung sind. Und das hat nichts damit zu tun, dass diese Menschen krank sind. Wer solche Dinge behauptet, der hat einfach nichts verstanden. Ein kleines Stück Kampf auf dem Weg gegen so viel Intoleranz und Ausgrenzung, wenn man nicht so ist wie die breite Masse. Das gefällt mir an diesem Buch besonders. 

Letzten Endes muss jeder für sich selbst wissen, welche Lebensform er als am besten erachtet. Wenn sich aber Menschen darauf einigen polyamor zu leben, dann sollte man dies akzeptieren. Ausgrenzung und Unverständnis im Freundes- und Bekanntenkreis ist nämlich hier immer noch eines der größten Probleme. 

Fazit 

Mit 'Wie wir lieben' hält man ein spannendes Sachbuch zu einem interessanten Thema in Händen, das sich ebenso gut liest, wie ein spannender Thriller. Eine interessante Auseinandersetzung mit Monogamie und Polyamorie, eine spannende Geschichte über die Liebe und Partnerschaft und ganz sicher ein Buch, das auch nach dem Lesen noch nachwirken und zum Nachdenken anregen wird.

5/5 Punkten

Wie wir lieben: Vom Ende der Monogamie von Friedemann Karig - Blumenbar - 304 Seiten - ISBN 978-3-351-05038-2 - Hardcover - 20,- Euro - bei Amazon kaufen* - bei Thalia kaufen*
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Kommentare:

  1. Liebe Petzi,

    klingt nach einem wirklich tollen Buch. Als ich dabei gerade bei dir in der Instastory drüber gestolpert bin muss ich sagen hat es am Anfang gewirkt wie eine Liebesgeschichte. Aber nach dem ich jetzt deine Rezension dazu gelesen habe finde ich das Thema doch recht interessant. Die heutige Zeit bietet ja wie du sagst viele Möglichkeiten zu leben, dennoch Ecken wir mit den Freiheiten, wenn wir sie uns nehmen einfach an, da die Gesellschaft mit Veränderungen oder anderen Lebensstilen noch nicht umgehen kann.
    Eine schöne Rezension, die mich neugierig auf dieses Buch macht.

    Alles Liebe
    Corinna

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    1. Liebe Corinna,

      vielen Dank für deine Worte. Ich ging damals auch mit ganz anderen Erwartungen an das Buch heran, weil ich auch an eine Geschichte dachte. Ist es aber gar nicht und wahrscheinlich hat es mich am Ende deshalb auch so überzeugt. Es lohnt sich auf jeden Fall mal einen Blick reinzuwerfen.

      Liebe Grüße
      Petzi

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  2. Das hört sich nach einem tollen Buch an. Sehr schöne Rezension. Ich finde die Thematik besonders spannend.

    Neri, Leselaunen

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  3. Ich denke auch, dass vor allem die Akzeptanz der Gesellschaft heutzutage noch ein Problem darstellt. Ich selbst lebe auch glücklich in einer monogamen Beziehung, bekomme aber durch den Bekanntenkreis auch andere Lebensmodelle mit. Diese erscheinen für mich zwar ungewohnt, mache diese Paare aber glücklich. Da finde ich es dann immer falsch, wenn diese Beziehungen von anderen verurteilt werden. Jeder sollte so leben, wie er möchte, wenn er damit keinem anderen schadet, finde ich.
    Ich finde es toll, dass es ein Buch gibt, welches differenziert verschiedene Liebesmodelle betrachtet und dazu anregt, das eigene Leben kritisch zu hinterfragen und vor allem seinen Horizont zu erweitern.
    Mich hat deine Rezension auch sehr neugierig auf das Buch gemacht.
    Liebe Grüße
    Saskia

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    1. Liebe Saskia,

      vielen Dank für deinen tollen und ausführlichen Kommentar. Ich kann dir hier nur vollkommen zustimmen, denn das waren auch meine Gedanken. Man muss nicht dafür stehen und es toll finden, aber man schnuppert so auch ein wenig in andere Modelle hinein und lernt plötzlich Dinge kennen, von denen man vorher gar nicht so richtig wusste. Das liebe ich auch so an Büchern.

      Liebe Grüße
      Petzi

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